Wem im Wald ein Ast auf den Kopf fällt, kann nicht auf Schadenersatz hoffen.
Forstamtsleiter Zeiss begrüßt BGH-Urteil. Mit einem Grundsatz-Urteil hat der
Bundesgerichtshof (BGH) in dieser Woche den deutschen Waldbesitzern den Rücken
gestärkt.

Stadtroda. Mit einem Grundsatz-Urteil hat der Bundesgerichtshof (BGH) in dieser
Woche den deutschen Waldbesitzern den Rücken gestärkt.
 
Demnach kann ein Spaziergänger, der bei seiner Wanderung beispielsweise durch
einen Privatwald von einem herabstürzenden Ast verletzt wird, nicht auf
Schadenersatz hoffen, da die Benutzung des Waldes auf eigene Gefahr geschehe,
urteilten die Richter. Denn ein abbrechender Ast sei eine "waldtypische Gefahr"
für die der Waldbesitzer nicht haftbar gemacht werden könne (Aktenzeichen: VI ZR
311/11).


Für Stadtrodas Forstamtsleiter Bernhard Zeiss ein wegweisendes Urteil. "Das ist
ein guter Tag für die tausenden Privatwaldbesitzer im Forstamt", erklärte er
gestern. "Wir müssen gottlob nicht mehr jedem Ast hinterherrennen." Erstmals
habe das höchste deutsche Gericht für Klarheit bei den Sorgfalts- und
Verkehrssicherungspflichten von Waldbesitzern gesorgt. "Wir hatten jahrelang das
Problem mit der Verkehrssicherungspflicht, gerade wenn Wanderer im Wald zu
Schaden kamen. Mal verurteilte ein Gericht den Waldbesitzer zu Schadenersatz,
mal eben nicht. Mit dem Grundsatz-Urteil haben gerade die Privatwaldbesitzer nun
endlich Gewissheit: Wird ein Spaziergänger oder Radfahrer auf dem Waldweg von
einem Baum oder einem Ast getroffen, liegt keine Verletzung der
Verkehrssicherungspflicht vor", sagte Zeiss. Zudem müsse der Waldbesitzer
entlang von Wanderwegen seine Bäume nicht ständig darauf kontrollieren, ob
eventuell Äste zum Abbrechen neigen oder der Baum an sich umzustürzen droht.
"Natürlich werden wir als Forstamt auch weiterhin schauen, dass Bäume an
Wanderwegen, die eine offensichtliche Gefahr darstellen, gefällt werden. Eine
Verpflichtung gibt es aber nicht", verwies Zeiss unter anderem auf den beliebten
Weihertal-Wanderweg bei Stadtroda. An diesen stehen zahlreiche alte Eichen mit
reichlich Totholz. Gerade Laubhölzer werfen immer wieder Äste von sich aus ab.
"Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, hier jeden möglichen Totast oder alle
abgestorbenen Eichen und Eschen zu entfernen", sagte Zeiss. Dies wäre auch
finanziell nicht händelbar. "Das würde locker mehrere zehntausend Euro kosten."
 
Anders sieht es dagegen bei den atypischen Gefahren im Wald aus. Für diese hafte
der Waldbesitzer nach wie vor, so die Richter. Eine atypische Gefahr ist
beispielsweise eine marode Schutzhütte oder eine im Wald aufgestellte Bank. "Da
werden bewusst Menschen zum Verweilen eingeladen. Wenn da eine Bank
zusammenbricht, dann muss der Eigentümer des Grund und Bodens für den Schaden
aufkommen", klärte der Forstamtsleiter auf. Viele Privatwaldbesitzer seien sich
dieser Verantwortung durchaus bewusst und würden das Aufstellen einer Bank auf
ihrem Grund und Boden deshalb verbieten. Nützlich seien hier Vereinbarungen
zwischen dem Aufsteller und dem Waldbesitzer, um Probleme von vornherein
auszuschließen. "Wir sind dafür, den Wald als Naherholungsgebiet für den
Tourismus zu erschließen, es müssen aber saubere Lösungen her."
 
Dass der Wald oder Bäume eine unberechenbare Gefahrenquelle sind, zeigte ein
tödlicher Unfall vor rund drei Jahren nahe der Rothehofsmühle. 2009 wollte
damals ein Erfurter Ehepaar auf ein Wochenend-Grundstück bei Plothen fahren.
Kurz vor der Rothehofsmühle knallte plötzlich ein dicker Ast von einem Baum auf
die Frontscheibe, durchschlug diese und durchbohrte den Autofahrer wie ein
Pfeil. Der 65-jährige Autofahrer war sofort tot.
 
 
Frank kalla / 06.10.12 / otz