Die Protestanten müssen um den Landkreis herumpilgern. Nicht nur in der
evangelischen Kirche ist man irritiert.

Erfurt. Es war im vergangenen Mai, da stand die Ministerpräsidentin auf dem
Lutherplatz zu Möhra, gleich hinter dem Lutherdenkmal, und beschaute eine große
Tafel mit der Aufschrift "Lutherweg".
 
Denn hier, in dem kleinen Ort im Wartburgkreis, soll der Reformator im Jahre
1521 auf der Rückreise von Worms unter einer Linde geruht haben. Zumal, der
fromme Mann hatte Verwandtschaft im Dorf.


Deshalb liegt Möhra auf dem Lutherweg. Lieberknecht eröffnete das knapp 18
Kilometer lange Teilstück nach Eisenach. Bis 2014 soll der Pilgerpfad alle 21
Thüringer Luther-Orte verbinden - und andere Luther- oder Pilgerwege in
Sachsen-Anhalt, Sachsen, Bayern und Hessen anschließen.
 
Allerdings, einen Bogen muss der Weg schon machen, und zwar um das
Obereichsfeld. Im dortigen Landkreis regiert eigentlich schon immer Werner
Henning (CDU). Er ist Katholik und hält im Unterschied zur evangelischen
Pastorin Lieberknecht in diesem Fall nicht sonderlich viel von der Ökumene und
verbittet sich eine Beteiligung am Lutherweg.
 
Der Reformator, sagt Henning, sei ja nie im Eichsfeld gewesen. Außerdem verbinde
er Luther mit Theologie, nicht mit Tourismus.
 
In der evangelischen Kirche wird diese Haltung mit Verwunderung zur Kenntnis
genommen, schließlich hat Henning sich bisher nicht gegen die flächendeckende
Vermarktung der Papstbesuchs geäußert.
 
    "Ich bin gegen die touristische Verwurstung von Religion", meint Landrat
Werner Henning. Foto: Thomas Müller "Ich bin gegen die touristische Verwurstung
von Religion", meint Landrat Werner Henning. Foto: Thomas Müller
 
Pfarrer Christfried Boelter jedenfalls kann Henning nicht verstehen. Er ist
Vorsitzender des Vereins Kirche und Tourismus in Reinhardsbrunn, wo auch das
Lutherweg-Büro sitzt, und sagte gestern unserer Zeitung: "Es war unser Ziel, im
Sinne der Ökumene das Eichsfeld in den Lutherweg einzubeziehen." Auch der damals
noch amtierende katholische Bischof Joachim Wanke habe die Idee begrüßt. "Doch
als der Landrat sein Veto einlegte, konnte auch er nichts mehr machen."
 
Henning, so sagt Boelter, sei "manchmal wie ein Panzer". Man mache inzwischen
intern schon Witze über ihn: "Vielleicht kann er ja im Eichsfeld nicht für die
Sicherheit der protestantischen Pilger bürgen..."
 
Der Landrat bezeichnet dies als "Unfug". Es gebe ja schon einen Pilgerweg von
Loccum nach Volkenroda. Diese Art touristischer Aktivität scheint Henning
treffender, als mit einem Mann zu werben, der so gar nichts mit dem Eichsfeld zu
tun habe.
 
Ganz richtig ist das nicht. Auch im Landkreis gibt es viele evangelische Orte.
Eichsfeldische Geschlechter wie die von Hanstein und von Bodenstein nahmen die
Lehre der Protestanten an. Daran hat sich bis heute nichts geändert: In
Wahlhausen prangt Luther sogar als Bild in der Kirche.
 
Der Lutherweg in Thüringen
 
    Der Lutherweg in Thüringen ist insgesamt etwa 885 Kilometer lang. Er
gliedert sich in mehrere Routen, die alle im Luther-Ort Erfurt beginnen.
    Die Südschlaufe (335 km) führt von Erfurt durch den Ilmkreis ins Coburger
Land, über den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, Jena durchs Weimarer Land.
    Die Westschlaufe (310 km) verläuft durch den Landkreis Gotha, den
Unstrut-Hainich-Kreis, Wartburgkreis, Ilmkreis.
    Die Nordroute (125 km) führt durch den Landkreis Sömmerda, Kyffhäuserkreis,
Landkreis Nordhausen bis zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt.
    Die Ostroute (225 km) schließt über Weimarer Land, Jena, Greiz, Gera zum
Lutherweg in Sachsen/Sachsen-Anhalt an.
    Alle Wege berühren Orte, an denen Luther wirkte bzw. die mit Luther in
Verbindung stehen.
 
 
Martin Debes und Thomas Müller / 18.10.12 / TA