In der neuen Neugasse rollt es besser denn je. Das gut verfugte Pflaster setzt
den Reifen kaum noch Rollwiderstand entgegen. Die im verkehrsberuhigten Bereich
eigentlich vorgesehene Schrittgeschwindigkeit hält deshalb kaum jemand ein.
 
Jena. Zur Absicherung der Kundschaft haben einige Händler Werbeaufsteller als
Flankenschutz vor ihre Geschäfte gestellt. Nicht nur Radler - auch die meisten
Autofahrer - sind deutlich schneller als 5 bis 7 km/h unterwegs. Doch fahren die
Pkw nicht so ungestüm auf dem Gehweg. Thomas Wedekind vom Fahrradclub ADFC
sprach die Sache kürzlich bei der Sitzung des Stadtratsgremiums "AG
Fahrradverkehr" an. Nach seinen Beobachtungen werde in der Regel deutlich
schneller als 15 Stundenkilometer gefahren, vielfach auch schneller als 20
Stundenkilometer, sagt er. Händlerin Jutta Förster bestätigt den Rausch der
Geschwindigkeit. Nach der Fertigstellung der Straße seien wieder mehr Menschen
in der Gasse, dabei auch Radfahrer, die als Kunden sehr willkommen sind.
Allerdings sei es kreuzgefährlich, wenn diese mit einem Affenzahn haarscharf vor
der Ladentür vorbeifahren. Oftmals nutzen Radler den Gehweg in der Neugasse,
doch warum eigentlich?


Radlerin Beatrice Jüttner, die gestern zur Mittagszeit ihr Fahrrad durch die
Gasse schob, nennt als Grund den starken Durchgangsverkehr. Wenn Pkw in Reihe am
Straßenrand stehen und ein Lieferfahrzeug überhole, dann bleibe für Radfahrer
nur noch der Gehweg als Restfläche. Er lässt sich mangels Bordstein mühelos
erreichen, doch ist er eigentlich auch in verkehrsberuhigten Bereichen den
Fußgängern vorbehalten. Die städtische Radverkehrskoordinatorin Ulrike
Zimmermann berichtet von dem Plan, das Verkehrsgeschehen in der Neugasse
zunächst zu analysieren. Dabei könne das Statistikgerät der
Straßenverkehrsbehörde gute Dienste leisten, das Fahrgeschwindigkeiten über
einen längeren Zeitraum ermitteln kann. Zimmermann sieht auch deshalb die
Probleme in der Neugasse, weil wegen der Umleitungen in der Nachbarschaft die
Gasse eine beliebte Ausweichroute sei. "Verkehrsbremsanlagen" sind derzeit für
die Neugasse kein Thema, sieht man mal von den Werbeaufstellern ab, die vor
einigen Geschäften stehen. Ihr Bremseffekt ist aber spürbar: Werden die
Aufsteller nach Ladenschließung weggeräumt, entwickelt sich die Neugasse zur
echten Rennbahn. Einzelne Radler erreichen dann Tempoüberschreitungen, für die
es in Flensburg Punkte geben würde.
Thomas Beier / 04.09.12 / TLZ