Die Jenaer Verkehrsplanung dürfe im berechtigten Ringen um bessere Bedingungen
für Nahverkehr, Radfahrer und Fußgänger bitte nicht immer zu Lasten des
Pkw-Verkehrs ausgelegt sein. So hat FDP-Kreis-Chef Thomas Nitzsche jetzt die
aktuelle Studie der Uni Duisburg-Essen kommentiert, wonach Jena in Thüringen die
Gebietskörperschaft mit den wenigsten Autos ist (402 auf 1000 Einwohner; Erfurt:
436; SHK: 557).

Jena. Jenas Kfz-Anteil lasse sich "nicht beliebig drücken". Indes sei es
"erklärte Absicht" in Jena, "den Straßenraum unter ferner liefen zu
priorisieren", was man aktuell etwa am Umbau der Talstraße sehe, die 1,20 Meter
an den Gehweg verliere. - Oder der Burgweg, der um 2,00 Meter Gehweg ergänzt
werde! Es sei doch Tendenz in allen Städten, den Fußgängern Vorrang einzuräumen,
so entgegnete gestern Alfred Wälte, Leiter des Fachbereichs Stadtumbau. Das
werde allerorten "massiv gefördert und gefordert", sagte Wälte. "Und wenn Sie in
der Jenaer Innenstadt leben, können Sie zu Fuß alles erreichen; da brauchen Sie
nicht mal 'n Fahrrad." Nicht übersehen dürfe man eine 2006 verabschiedete
"Richtlinie für die Anlage von Stadtstraßen" des Bundes, die auf 2,50 statt
vorher 2,00 Meter breite Fußwege orientiert. Andererseits unterbreite Jena mit
der Zahl seiner Autostellplätze in der Innenstadt doch ein "relativ
komfortables" Angebot.


Ebenfalls auf die "Stadtstraßen-Richtlinie" des Bundes
verwies gestern Levente Sarközy, Tiefbau-Chef des Eigenbetriebs Kommunalservice
KSJ. Zum Beispiel in der Talstraße sei die Fußweg-Verbreiterung "absolut
gerechtfertigt". Die Richtlinie - in der Verwaltung mit dem Akronym "RAST"
bezeichnet - schließe die Gewähr ein, dass Rollstuhl und Kinderwagen im
"Gegenverkehr" aneinander vorbeirollen; dass Kinder bis zum 10. Lebensjahr in
Ruhe mit dem Fahrrad auf dem Gehsteig radeln können; dass Fußgänger mit
Regenschirm nicht aneinandergeraten. "Zumindest unter zwei Meter Breite wollen
wir nicht gehen. Das ist auch eine Richtlinie und kein Gesetz, aber wir planen
nicht vom Autoverkehr in Richtung Hauswand, sondern andersherum", sagte Sarközy.
In der Vergangenheit sei einfach zu wenig gemacht worden für den
Fußgängerverkehr. Jena-spezifisch bleibe ohnehin, sich in der Tallage mit den
beengten Straßenverhältnissen arrangieren zu müssen.
Tatsächlich möge man die Jenaer Werte aus der Studie "genau umgedreht
interpretieren", sagte Kerstin Rietz, Leiterin des Fachdienstes Stadtplanung,
mit Blick auf Thomas Nitzsches Kritik. "Wir wollen den Nahverkehr in die Stadt
ziehen und eine Stadt der kurzen Wege sein. Wir hoffen, dass das zunimmt." Hier
seien viele Initiativen im Gange, denke man etwa an die Gespräche mit dem
Uni-Klinikum über ein neues "Mobilitätsmanagement". Erstaunlich: Ebenfalls nicht
mitgetragen wird Nitzsches Kritik von Erfried Krahmer, der über 20 Jahre
Vorstand der Jenaer Taxigenossenschaft war. Die These von der Zurückdrängung des
Pkw-Verkehrs sei "ein bissel überzogen", sagte Krahmer. "Dem kann ich so nicht
Recht geben. Es wurde auch für Autofahrer relativ viel getan."
 
Thomas Stridde / 31.07.12 / TLZ